Geflüchtete Kinder erzählen



Eine Studie von World Vision Deutschland und der Hoffnungsträger Stiftung




Anlass der Studie


Das Thema Flucht ist aktuell omnipräsent, doch die öffentlichen Diskurse sind häufig von einem bestimmten Muster durchzogen. Genau hier setzt die World-Vision-Flucht-Studie an, indem sie zwei Aspekte in den Blick nimmt, welche in den bisherigen Auseinandersetzungen meist unbeachtet bleiben.
  1. Im Kontext von Flucht wird überwiegend von Erwachsenen oder unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen gesprochen. Begleitete minderjährige geflüchtete Kinder werden in der Regel unter die Familie subsummiert, wodurch ihre individuellen Bedürfnisse nicht berücksichtigt werden.
  2. Wird die Situation der Kinder thematisiert, so wird meist über sie gesprochen, anstatt mit ihnen. Die Kinder erhalten selten selbst eine Stimme.

Jedoch war beinahe ein Drittel der Asyl-Antragsteller1 im Jahr 2015 minderjährig, die meisten davon in Begleitung ihrer Familie. Diese Größendimension verdeutlicht die Notwendigkeit die spezifischen Bedürfnisse und Wünsche dieser Gruppe anzuhören und zu berücksichtigen. Insbesondere, da die UN-Kinderrechtskonvention, welche seit 2010 uneingeschränkt in Deutschland gilt, festhält, dass das kindliche Wohlbefinden vorrangig in alle Entscheidungen, welche Kinder betreffen, einzubeziehen ist. Darüber hinaus steht Kindern im Rahmen der UN-Kinderrechtskonvention das Recht zu ihre eigene Meinung zu äußern und einzubringen.
Um aufzeigen, was bei Diskussionen um Flucht und Migration, aber auch häufig bei rechtlichen und politischen Entscheidungen aus dem Blick bleibt, wurden in der Studie „Angekommen in Deutschland – wenn geflüchtete Kinder erzählen“ begleitete geflüchtete Kinder selbst befragt.

Ein besonderes Anliegen dieser Studie war es dabei nicht nur auf die Verletzlichkeit der geflüchteten Kinder und ihre speziellen Bedürfnisse hinzuweisen, sondern auch die Ressourcen der Kinder zu verdeutlichen. Durch die Betonung der Ressourcen nimmt die World-Vision-Flucht-Studie eine Sonderstellung ein.

Durchführung

Die vorliegende Studie über geflüchtete Kinder wurde vom World Vision Institut, einer Forschungseinheit von World Vision Deutschland, in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit der Goethe Universität Frankfurt und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durchgeführt. Die Hoffnungsträger Stiftung ist Mitherausgeber der Studie und unterstützte die Durchführung der Studie finanziell. Über den von der Hoffnungsträger Stiftung unterstützten Verein Aktion Integration in Ludwigsburg und die von Stefanie Graf gegründete Stiftung Children for tomorrow in Hamburg fanden die Feldzugänge statt.

Durchgeführt wurden die qualitativen Interviews nach einer intensiven Kennenlernphase mit neun Kindern im Alter von zehn bis dreizehn Jahren. Um der Bandbreite und Heterogenität der Lebensgeschichten und Fluchtgründe gerecht zu werden, wurde darauf geachtet, Kinder aus unterschiedlichen Herkunftsländern zu befragen. Die befragten Kinder stammen aus Afghanistan, Serbien, Syrien, Iran, Eritrea und aus dem Kosovo. Alle an der Studie beteiligten Kinder leben Ende 2015 in Begleitung Familienangehöriger in Deutschland.

Ergebnisse


Entlang der Interviews wurden fünf von den Kindern thematisierte Themenbereiche herausgearbeitet. Die Analyse erfolgte anhand einer theoretischen Einbettung der in den Erzählungen der Kinder identifizierten Themen in das Konzept des kindlichen Wohlbefindens. Dieser Rückbezug verdeutlicht die Spezifika der Situation von geflüchteten Kindern in Deutschland.

Die Studie erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität, dennoch können interessante und aussagekräftige Ergebnisse festgehalten werden, welche einen Einblick in die Situation der geflüchteten Kinder in Deutschland ermöglichen. Weitere Details entnehmen Sie bitte der vollständigen Studie (PDF) 2016.

Fazit


Die Interviews geben einen wertvollen Einblick in die Situation der befragten Kinder. Sie verdeutlichen, dass jedes geflüchtete Kind auf eine individuelle Geschichte zurückblickt und verweisen dennoch auf die Gemeinsamkeiten der aktuellen Lebenssituationen in Deutschland. Aus den kindlichen Erzählungen wurden sowohl Ressourcen der Kinder als auch strukturelle Mängel des (deutschen) Asylsystems herausgearbeitet.

In der Studie wurde somit ersichtlich, dass die Belange der geflüchteten Kinder immer wieder nicht berücksichtigt werden. Stellt das Kindeswohl jedoch nicht die oberste Leitlinie des staatlichen Handelns dar, bedeutet dies wiederum, dass im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention die Rechte der geflüchteten Kinder nicht beachtet werden.
Die fehlende Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse sorgt zudem für ungleiche Situationen zwischen hier lebenden und geflüchteten Kindern. Diese Benachteiligung kann sich negativ auf die Zukunft der geflüchteten Kinder auswirken. Ressourcen, wie der Wille zu Lernen oder die sozialen Netzwerke, müssen wahrgenommen und gefördert werden. Dadurch können Potentiale besser ausgeschöpft, Integration erleichtert und die Chancengerechtigkeit erhöht werden.


Für inhaltliche Nachfragen wenden Sie sich bitte an die Forschungsleiterin des World Vision Instituts Dr. Katharina Gerarts unter katharina_gerarts@wvi.org.

Sollten Sie Interesse an der Zusendung der Studie haben, so wenden Sie sich bitte an institut@worldvision.de. Wir bitten Sie dafür um eine Kostenbeteiligung von 6 €, zu überweisen auf unser Konto mit der IBAN DE04360602950020197013 mit Verweis auf unsere „Fluchtstudie“ mit dem Aktionscode 403842.

 


1 Hier ist darauf hinzuweisen, dass die Zahl der Antragsteller nach dem BAMF durch den aktuellen „Antragsstau“ nur einen Teil der tatsächlich nach Deutschland geflüchteten Menschen umfasst.
TV BerlinAusführlicher Beitrag zur Studie
Artikel ZEITBerichterstattung