Portrait: Sammy, 8 Jahre alt
"Ich bin ein Doppelgänger"
Das Haus in einem ruhigen Münchner Stadtteil, 6 km vom Zentrum, hat nichts, was ich mit einem »Heim« oder »Waisenhaus« verbunden hätte. Umgeben von einem kleinen Garten mit Spielgeräten, einstöckig und mit ausgebautem Dachgeschoss, wirkt es wie eines der vielen Einfamilienhäuser in dieser Wohngegend. Es ist mit hellem Holz verkleidet und hat eine große
Fensterfront zum Garten.
Der Neubau wurde möglich, weil eine alte Dame ihr Grundstück sowie einen Teil ihres Vermögens der Münchner Waisenhausstiftung hinterließ, mit der Auflage, hier ein »kleines Wohnhaus für Kinder« zu bauen. Im Inneren dient nahezu das ganze Erdgeschoss als Gemeinschaftsraum mit angegliederter Küche. Hier werden nicht nur die Mahlzeiten eingenommen, an den großen Tischen machen einzelne Kinder Hausaufgaben, andere malen oder spielen ein Brettspiel. »Hier ist immer jemand«, sagt die Erzieherin. Im ersten Stock zeigt sie mir die Zimmer der acht Kinder. Fast jedes Kind hat ein eigenes Zimmer, nur zwei Zimmer sind zurzeit doppelt belegt. Die Zimmer sind individuell gestaltet und gut aufgeräumt, darauf wird Wert gelegt. Im Keller gibt es einen großen Raum mit einer Sprossenwand und Matten, wo die Kinder sich austoben können.
In diesem Wohnhaus also ist eine » Außenwohngruppe« des Münchner Waisenhauses untergebracht. Die Kinder, die hier leben, sind meist Sozialwaisen: sie haben Eltern, die aus verschiedenen Gründen zumindest zeitweilig nicht für sie sorgen können. Einige haben schon Gewalt und Missbrauch erlebt, die meisten sind aufgrund von äußerst schwierigen Familienverhältnissen hier. Sie werden von vier Erzieherinnen und einer Praktikantin betreut, die teilweise auch mit im Haus wohnen.
Im Gemeinschaftsraum treffe ich Sammy, und wir gehen für unser Interview in ein kleines Büro. Sammy macht einen sehr aufgeweckten Eindruck und mustert mich aus wachen, braunen Augen. Er stellt während des Interviews selbst immer wieder Fragen, auch zu Dingen, die nicht so ganz zum Interview gehören. Manchmal schnappt er sich
das Mikrofon, führt es direkt an seinen Mund und flüstert hinein. Ich habe ihm erzählt, dass das, was wir reden, abgeschrieben wird. Er nimmt auf diese Weise Kontakt zu der Dame auf, die die Transkription machen wird und deren Namen ich ihm genannt habe. Gelegentlich sind wir also zu dritt bei diesem Interview.
Sammy und seine zweigeteilte Welt
Ich bitte Sammy, ein bisschen von sich zu erzählen, was zunächst etwas stockend
geht. Er sei 8 Jahre alt und gehe in die 3. Klasse. Und dann sind wir schon bei dem Thema, seit wann er hier »im Heim« ist.
»Und seit wann bist du hier …?
Das weiß ich nicht mehr genau. Ich glaub, seit den Osterferien oder so.
Seit den Osterferien, okay. Und bist du gerne hier?
[gedämpft] Joa, schon …
Ja, schon, aber …?
Bei meiner Mama mag ich es auch ganz gerne.
Bei deiner Mama ist es auch schön. Und wie ist das? Kommst du irgendwann wieder zurück zu deiner Mama?
Ich glaub schon, aber ich weiß nicht wann.
Du weißt nicht wann. Wovon hängt denn das ab, wann du zu deiner Mama kommst?
Weiß ich nicht. Ich wurde einfach einmal nach der Schule hierher gebracht,
also nicht genau hierher, noch in ein anderes … [unverständlich] eingewiesen.
Und von da bin ich von dem anderen Heim hierhergekommen. Also, erst
war ich in einer Gruppe. Dann bin ich in eine andere Gruppe gekommen.
Jetzt bin ich von der anderen Gruppe hierhergekommen.«
Das weiß ich nicht mehr genau. Ich glaub, seit den Osterferien oder so.
Seit den Osterferien, okay. Und bist du gerne hier?
[gedämpft] Joa, schon …
Ja, schon, aber …?
Bei meiner Mama mag ich es auch ganz gerne.
Bei deiner Mama ist es auch schön. Und wie ist das? Kommst du irgendwann wieder zurück zu deiner Mama?
Ich glaub schon, aber ich weiß nicht wann.
Du weißt nicht wann. Wovon hängt denn das ab, wann du zu deiner Mama kommst?
Weiß ich nicht. Ich wurde einfach einmal nach der Schule hierher gebracht,
also nicht genau hierher, noch in ein anderes … [unverständlich] eingewiesen.
Und von da bin ich von dem anderen Heim hierhergekommen. Also, erst
war ich in einer Gruppe. Dann bin ich in eine andere Gruppe gekommen.
Jetzt bin ich von der anderen Gruppe hierhergekommen.«
Sammy wurde eingewiesen, weil seine Mutter unvermittelt in eine Situation kam, in der sie nicht mehr für ihn sorgen konnte. Ganz am Beginn des Interviews wird also schon angesprochen, was sich wie ein roter Faden durch das Interview zieht: Er ist nicht ungern im Heim, aber möchte zurück zu seiner Mutter.
Es ist zu spüren, dass Sammy über den Einschnitt, den die Einweisung für ihn bedeutete, nicht mehr sagen möchte. Also sprechen wir über seine Herkunft und die seiner Mutter. Sie kommt aus der Dominikanischen Republik und ist seit zehn Jahren in Deutschland. Sammy ist hier geboren, spricht Deutsch mit ganz leichtem bayerischen Zungenschlag und kann sich ausgezeichnet ausdrücken. Er versteht und spricht auch Spanisch, die Sprache seiner Mutter.
Im Heim hat er sich gut eingelebt. Das hat auch die für Sammys Betreuung speziell zuständige »Bezugserzieherin« bestätigt, mit der ich schon vor diesem Interviewtermin gesprochen hatte. Allerdings hatte er am Anfang »Zeitlang« nach seiner Mutter (ein bayerischer Ausdruck für Heimweh oder Sehnsucht). Als seinen besten Freund hier bezeichnet er »den Bobby«, der schon 12 Jahre alt ist. Sein Zimmer teilt er mit Peter, mit dem es leider manchmal Streit gibt, inzwischen offenbar meist abgemildert als
»Diskussion«.
»Am meisten haben wir Streit. Das ist das Blöde.
Ja. Hm, das ist allerdings blöd. Was kann man da machen?
Zurzeit haben wir keinen Streit, weil jetzt lass ich ihn eigentlich die ganze
Zeit in Ruhe. Uah, manchmal kommt jetzt halt ’ne Diskussion. Aber das ist
für mich gar nicht so schlimm.
Zwischen Peter und dir oder auch mit den Erzieherinnen?
Nee, nur zwischen mir und Peter. So kommen am meisten die
Diskussionen.«
Ja. Hm, das ist allerdings blöd. Was kann man da machen?
Zurzeit haben wir keinen Streit, weil jetzt lass ich ihn eigentlich die ganze
Zeit in Ruhe. Uah, manchmal kommt jetzt halt ’ne Diskussion. Aber das ist
für mich gar nicht so schlimm.
Zwischen Peter und dir oder auch mit den Erzieherinnen?
Nee, nur zwischen mir und Peter. So kommen am meisten die
Diskussionen.«
Auf den Altersunterschied zu seinem besten Freund Bobby angesprochen, reagiert
Sammy etwas unwirsch (»das ist mir echt egal«), und dann kommt das Gespräch
auf seine Familiensituation.
Sammy etwas unwirsch (»das ist mir echt egal«), und dann kommt das Gespräch
auf seine Familiensituation.
»Aber mein allerallerallerbester Freund ist mein großer Bruder.
Dein großer Bruder? Aha. Wo lebt denn dein großer Bruder?
In Deutschland.
Und wo da? Ist der auch in München?
Ja. (…)
Lebt der denn bei deiner Mama?
Nee, bei seinem Papa. Ich hab nämlich einen eigenen Vater, und ich hab halt
zwei Brüder, und jeder hat einen eigenen Vater.
Und dein Vater, kennst du den auch?
Ja. Aber so viel weiß ich gar nicht über ihn.
Okay. Den siehst du nicht so oft?
Gar nicht oft.
Weißt du, wo der lebt?
Ja, in Baden-Württemberg, in Stuttgart.
Das ist ja gar nicht so furchtbar weit weg.
Kann man mit dem Zug hinfahren.
[Sammy geht nicht darauf ein.]
Aber dein allerallergrößter Freund ist dein großer Bruder?
Ja, aber hier als ganz bester Freund ist der Bobby das eigentlich.
Und du hast noch einen Bruder?
Ja, einen kleinen Bruder. Ich bin also eigentlich der Mittlere und als zweites
geboren.
Und wo ist dein kleiner Bruder?
Der ist auch bei seinem eigenen Vater. Außer ich, ich bin bei der Mama.«
Dein großer Bruder? Aha. Wo lebt denn dein großer Bruder?
In Deutschland.
Und wo da? Ist der auch in München?
Ja. (…)
Lebt der denn bei deiner Mama?
Nee, bei seinem Papa. Ich hab nämlich einen eigenen Vater, und ich hab halt
zwei Brüder, und jeder hat einen eigenen Vater.
Und dein Vater, kennst du den auch?
Ja. Aber so viel weiß ich gar nicht über ihn.
Okay. Den siehst du nicht so oft?
Gar nicht oft.
Weißt du, wo der lebt?
Ja, in Baden-Württemberg, in Stuttgart.
Das ist ja gar nicht so furchtbar weit weg.
Kann man mit dem Zug hinfahren.
[Sammy geht nicht darauf ein.]
Aber dein allerallergrößter Freund ist dein großer Bruder?
Ja, aber hier als ganz bester Freund ist der Bobby das eigentlich.
Und du hast noch einen Bruder?
Ja, einen kleinen Bruder. Ich bin also eigentlich der Mittlere und als zweites
geboren.
Und wo ist dein kleiner Bruder?
Der ist auch bei seinem eigenen Vater. Außer ich, ich bin bei der Mama.«
Im weiteren Verlauf des Interviews stellt sich heraus, dass die Brüder sich an gemeinsamen Wochenenden bei der Mutter treffen, und diese Zusammentreffen
empfindet Sammy als sehr schön. Das gilt auch für die Wochenenden, wo er allein bei seiner Mama ist. Grundsätzlich verbringt er jedes zweite Wochenende bei ihr. Zum Vater besteht sehr wenig Kontakt, mehr beiläufig erfahre ich, dass der Vater Sammy aber gelegentlich, wenn auch selten, hier besucht hat.
Auf die Frage, ob es unter den Erzieherinnen jemanden gibt, den er besonders
gern mag, nennt er mehrere Namen, teils von Erzieherinnen, die nicht mehr in der
Gruppe sind.
empfindet Sammy als sehr schön. Das gilt auch für die Wochenenden, wo er allein bei seiner Mama ist. Grundsätzlich verbringt er jedes zweite Wochenende bei ihr. Zum Vater besteht sehr wenig Kontakt, mehr beiläufig erfahre ich, dass der Vater Sammy aber gelegentlich, wenn auch selten, hier besucht hat.
Auf die Frage, ob es unter den Erzieherinnen jemanden gibt, den er besonders
gern mag, nennt er mehrere Namen, teils von Erzieherinnen, die nicht mehr in der
Gruppe sind.
Geregelter Gruppenalltag und die Wochenenden bei der Mama
Sammys Wochentage sind klar strukturiert, wie aus seinem detaillierten Bericht
deutlich hervorgeht. Das folgende Zitat schildert die Zeit zwischen Schule und Freizeit am Nachmittag. Sammy gibt dabei zu, auf dem Heimweg manchmal »zu trödeln«, aber er kann offenbar auf die Minute angeben, wie lange diese Trödelei dauert, nämlich »bis fünf vor halb zwei«.
»Dann komme ich nach Hause. Wenn ich etwas nicht aufgegessen hab, dann
bringe ich das in die Küche, leg das in den Kühlschrank. Dann pack ich noch meine Flasche raus. Die Flasche, die trink ich meistens eh nicht so aus, und
dann stell ich sie auf meinen Platz … Wenn es dann in fünf Minuten zum Beispiel Essen gibt – weil manchmal trödele ich auf dem Weg und ähm … dann brauch ich eben länger, und dann bin ich erst um fünf vor halb zwei da und warte dann fünf Minuten. Dann wasch ich meine Hände, stell mich an und warte, bis alle leise sind. Und wenn alle leise sind, dann wünscht der Erzieher ›Guten Appetit‹, und dann danken wir alle ›Danke gleichfalls‹. Dann setz ich mich hin, esse auf. Danach putz ich nicht Zähne, weil wir da Hausaufgaben machen müssen. Und dann mach ich meine Hausaufgaben. Also, wenn ich um zwei anfange, ist dann drei Uhr. Und wenn ich um halb drei anfange bis um halb vier dann. Und dann, wenn ich fertig bin, mach ich meistens mein Amt, was ich so machen muss jetzt
dann.«
Alle Kinder in der kleinen Wohngemeinschaft haben Pflichten, wöchentlich wechselnde »Ämter«, die sie erledigen müssen. Auf die Frage, was das zum Beispiel sei, erklärt Sammy:
»Ja, zum Beispiel den Müll rausbringen, Glasmüll rausbringen, zur Straße hinbringen und dann solche Sachen halt. Manchmal auch Dachboden aufräumen
und Keller.«
und Keller.«
Wenn Sammy sein Amt erledigt hat,bleibt noch freie Zeit zum Spielen. Einen festen Programmpunkt an den Nachmittagen gibt es nicht. Der Junge würde sehr gern zum Kung-Fu-Training gehen, das ließ sich bisher aber noch nicht verwirklichen. Zum einen sind individuelle Freizeitaktivitäten der Kinder am Nachmittag schwer zu organisieren, zum anderen kosten sie Geld. Für Medienkonsum gibt es in der Wohngruppe ebenfalls klare Regeln. Fernsehen ist auf die Zeit zwischen Abendessen und Zubettgehen
beschränkt. Und für Gameboy bzw. Playstation gibt es zu Sammys Leidwesen Kontingente. Allerdings wurden die Vorgaben gerade etwas gelockert.
beschränkt. Und für Gameboy bzw. Playstation gibt es zu Sammys Leidwesen Kontingente. Allerdings wurden die Vorgaben gerade etwas gelockert.
»Früher hatte man jeden Tag eine halbe Stunde. Jetzt darf man sich das selber
so einteilen und darf am Tag eineinhalb Stunden spielen.«
so einteilen und darf am Tag eineinhalb Stunden spielen.«
Der Versuch, Sammys Zeiteinteilung auf dem Zeitstreifen zu bestimmen (s. u.), wird dadurch erschwert, dass die Kategorien für ihn öfter nicht stimmen. Zeit für »Familie« ist
z. B. etwas, was an Wochentagen nicht anfällt. Außerdem gibt es bei Sammy zwei recht verschiedene Arten von Wochenenden, je nachdem ob er in der Gruppe bleibt oder bei seiner Mutter ist. Ansonsten sind seine Wochentage mit denen anderer Kinder, die in Familien leben, gut vergleichbar. Schule und Hausaufgaben bestimmen knapp 40 % des Tages, die Pflichten gut 10 %, das ist etwas mehr als bei anderen Kindern. Medien werden sehr moderat genutzt, und es bleibt relativ viel freie Zeit, was auch daran liegt, dass feste Freizeitaktivitäten fehlen.
An den Wochenenden im Heim ebenso wie an denen bei der Mutter hat Sammy sehr viel »freie Zeit«. Im Heim müssen noch ein paar Hausaufgaben und Pflichten erledigt werden. Die Medien spielen keine nennenswert größere Rolle als an den Wochentagen. Die Angaben zum Fernsehen bleiben aber ein wenig unklar:
z. B. etwas, was an Wochentagen nicht anfällt. Außerdem gibt es bei Sammy zwei recht verschiedene Arten von Wochenenden, je nachdem ob er in der Gruppe bleibt oder bei seiner Mutter ist. Ansonsten sind seine Wochentage mit denen anderer Kinder, die in Familien leben, gut vergleichbar. Schule und Hausaufgaben bestimmen knapp 40 % des Tages, die Pflichten gut 10 %, das ist etwas mehr als bei anderen Kindern. Medien werden sehr moderat genutzt, und es bleibt relativ viel freie Zeit, was auch daran liegt, dass feste Freizeitaktivitäten fehlen.
An den Wochenenden im Heim ebenso wie an denen bei der Mutter hat Sammy sehr viel »freie Zeit«. Im Heim müssen noch ein paar Hausaufgaben und Pflichten erledigt werden. Die Medien spielen keine nennenswert größere Rolle als an den Wochentagen. Die Angaben zum Fernsehen bleiben aber ein wenig unklar:
»Wie viel Zeit du am Tag fernsiehst. Das wollte ich auch noch wissen.
Oh, das kommt ganz als Letztes. Das kommt immer darauf an. Und wenn
Wochenende ist, dann müssen wir das ganz hinter tun, weil wir gucken dann
eh nur am Wochenende am Abend welche … also, am Freitag …
Also, das spielt ganz, ganz wenig eine Rolle hier?
Ja, gaaanz, ganz wenig, ganz hinten eigentlich. Ich schaue ja hier nur, wenn,
vom Abend an und Freitag oder Samstag.«
Oh, das kommt ganz als Letztes. Das kommt immer darauf an. Und wenn
Wochenende ist, dann müssen wir das ganz hinter tun, weil wir gucken dann
eh nur am Wochenende am Abend welche … also, am Freitag …
Also, das spielt ganz, ganz wenig eine Rolle hier?
Ja, gaaanz, ganz wenig, ganz hinten eigentlich. Ich schaue ja hier nur, wenn,
vom Abend an und Freitag oder Samstag.«
Sammy ist während der Tage im Heim immer in Gesellschaft anderer Kinder, und stets ist ein Erwachsener in der Nähe. Die Zeit, die gemeinsam mit den Erziehern verbracht, also bewusst gestaltet wird, gibt Sammy auf dem Zeitstreifen ähnlich an wie andere Kinder die mit den Eltern verbrachte Zeit. Sie ist eher etwas höher als bei vielen »Familienkindern«.
Bei der Mama empfindet Sammy nahezu die gesamte Zeit als »freie Zeit«, und diese Zeit wird gemeinsam verbracht, mal nur mit der Mutter, mal auch mit den Brüdern. In der Wohnung der Mutter wird gespielt und gemeinsam gekocht, man unternimmt Ausflüge in den Park oder in die Stadt. Der Rest der Zeit gilt den Medien. Der Medienkonsum wird auch von der Mutter begrenzt, es ist also nicht so, dass hier, abseits der relativ strengen Regeln im Heim, Fernsehen und Playstation-Spielen freien Lauf bekämen.
Es liegt nahe, dass Sammy das Zusammensein mit der Mama, die er oft vermisst, ein wenig idealisiert. In einem Gespräch, das ich später mit der Mutter führe, schildert sie die Wochenenden allerdings ganz ähnlich wie ihr Sohn. Es passt ins Bild, dass Sammy auch nicht festlegen möchte, wer denn an den Wochenenden »bestimmt«. Das macht er mit seiner Mama gemeinsam. Nur im Hinblick auf Fernsehen und Playstation räumt er im Interview ein, dass hier die Mutter bestimmt.
Wer bestimmt sonst in Sammys Leben? Nun, ganz wesentlich die Erzieherinnen. Seine Lehrerin hat deutlich weniger zu sagen.
Bei der Mama empfindet Sammy nahezu die gesamte Zeit als »freie Zeit«, und diese Zeit wird gemeinsam verbracht, mal nur mit der Mutter, mal auch mit den Brüdern. In der Wohnung der Mutter wird gespielt und gemeinsam gekocht, man unternimmt Ausflüge in den Park oder in die Stadt. Der Rest der Zeit gilt den Medien. Der Medienkonsum wird auch von der Mutter begrenzt, es ist also nicht so, dass hier, abseits der relativ strengen Regeln im Heim, Fernsehen und Playstation-Spielen freien Lauf bekämen.
Es liegt nahe, dass Sammy das Zusammensein mit der Mama, die er oft vermisst, ein wenig idealisiert. In einem Gespräch, das ich später mit der Mutter führe, schildert sie die Wochenenden allerdings ganz ähnlich wie ihr Sohn. Es passt ins Bild, dass Sammy auch nicht festlegen möchte, wer denn an den Wochenenden »bestimmt«. Das macht er mit seiner Mama gemeinsam. Nur im Hinblick auf Fernsehen und Playstation räumt er im Interview ein, dass hier die Mutter bestimmt.
Wer bestimmt sonst in Sammys Leben? Nun, ganz wesentlich die Erzieherinnen. Seine Lehrerin hat deutlich weniger zu sagen.
»Die Lehrerin bestimmt fast gar nichts über mich. Die sieht mich ja nicht ganz
so oft.«
so oft.«
Trotz des geregelten und gut strukturierten Alltags ist die Macht der Erzieherinnen aber nicht unbegrenzt. Sammy betont, dass er auch etwas zu sagen hat. Auf die Frage, über wie viel von seiner Zeit er selbst bestimmt, gibt er einen Wert an, der nur leicht unter dem Durchschnitt aller Kinder liegt. Und wie gut, dass es die freie Zeit gibt:
»Und bei Freizeit und Spiel, wer bestimmt da?
[ganz schnell] Ich!
Du bestimmst.
Da darf ich spielen, was ich will.«
[ganz schnell] Ich!
Du bestimmst.
Da darf ich spielen, was ich will.«
Sammys Netzwerk: Zweimal Zuhause
Vom Interview inzwischen ziemlich ermüdet, ist Sammy froh über diese neue Aufgabe: Er soll mit Hilfe von Bauklötzen und kleinen Figuren seine Umgebung nachbauen. Es geht um Orte, an denen er sich aufhält, und die Menschen, mit denen er dort zu tun hat. Rasch entstehen interessante Bauwerke, turmartige Konstruktionen, auf denen man nur mit viel Geschick die Spielfiguren platzieren kann.
Sammy soll mit seinem Zuhause beginnen und es in die Mitte stellen. Nur wo ist sein Zuhause? Von vornherein ist klar, dass es zweimal »Zuhause« gibt. Er entscheidet sich, zuerst das Heim bzw. das Haus der Wohngruppe aufzubauen, weil er dort die meiste Zeit verbringt und vor allem, »weil ich meistens da schlafe«. Und ›wo man schläft‹ ist durchaus eine Definition von Zuhause. Umgeben wird das Gebäude, das nun entsteht, von einem Zaun. Sammy möchte Mädchen, Jungen und Erwachsenen unterschiedliche Farben geben, aber das lässt sich nicht ganz durchhalten. Er stellt acht Figuren für Kinder auf, darunter seine Freunde Bobby und Marvin, außerdem Jessica und Peter. Die Freunde Bobby und Marvin stehen auf einer Art Plattform ganz oben, er selbst ist mit der Interviewerin, die auch eine Spielfigur zugeordnet bekommt,
im Inneren des Bauwerks. Draußen im Garten werden die anderen Kinder und zwei Erzieherinnen aufgestellt. Podeste für die wichtigsten Personen bekommen Bobby und Sammy selbst.
Als Nächstes ist das Zuhause bei der Mutter an der Reihe. Sammy platziert es in der Nähe des Heims, deutlich näher zur Mitte des Spielplans. Das kleine Bauwerk sieht wie ein Tor aus und bietet Platz für die Mutter, davor stehen Sammy und seine beiden Brüder. Alle erhalten ein kleines Podest, hier sind also alle Kontakte wichtig.
Schließlich baut Sammy noch die Schule auf, ein bisschen weiter weg, auch dies ein interessanter Bau, mit einem auf drei Säulen ruhenden Dach. Überall wo Platz ist, auf dem Gebäude und darum herum, werden die Klassenkameraden aufgestellt. Er bedauert, dass es nicht genug Spielfiguren für die ganze Klasse gibt. Auch drei Lehrerinnen befinden sich auf dem Pausenhof. Eine kleine Gruppe von Kindern schart sich um die Laubhütte, die Sammy am Rand des Spielfeldes aufbaut. Das ist ein aktueller, herbstlicher Ort, denn Sammy hat mit anderen auf dem Schulhof eine solche Laubhütte gebaut und ist gerade ganz fasziniert davon. Deshalb steht er selbst auch in
der Nähe dieser Hütte, wieder auf einem kleinen Podest, denn schließlich ist er wichtig.
Bei der Beschreibung seines Tagesablaufs hat Sammy noch zwei Freunde erwähnt, die in der Umgebung des Heimes wohnen und mit denen er am Nachmittag manchmal spielt. Diese beiden Freunde baut er aber nicht auf.
Sammy geht zu Fuß zur Schule. Wenn er am Wochenende zu seiner Mutter fährt, dann wird er von ihr abgeholt und sie fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu ihrer Wohnung.
Das Netzwerk, das Sammy aufbaut, sagt eine ganze Menge über ihn. Seine Welt ist relativ überschaubar. Es gibt nur drei Bezugsorte, und anders als bei Kindern, die von ihren Eltern stark gefördert werden, gibt es keine Orte wie den Turnverein, die Kirche, die Klavierlehrerin, das Eisstadion. Es gibt auch keine Großeltern oder Verwandten. Auch der eigene Vater erhält keinen Platz in Sammys Netzwerk.
Alle erwachsenen Personen in Sammys Netzwerk sind weiblich: die Mutter, die Erzieherinnen und die Lehrerinnen. Männer kommen nicht vor.
Weiter ist ganz deutlich, dass seine Welt zweigeteilt ist. Zu Hause ist er im Heim und bei seiner Mama. Die emotionale Bedeutung des familiären Zuhauses und der Wunsch nach einer intakten Familie werden ersichtlich durch die Aufstellung dieses Zuhauses in der Mitte des Spielplans und durch die betonte Wichtigkeit aller Personen. Auch die
Brüder, die ja eigentlich bei den Vätern leben, sind hier aufgestellt.
Neben der Platzierung sagt auch die Konstruktion der Orte in Sammys Leben etwas über ihn aus. So fällt auf, dass das Heim von einem geschlossenen Zaun umgeben ist. Hier bieten sich mehrere Deutungen an: Könnte dies für Struktur, Halt und Sicherheit in Sammys Leben stehen oder auch für Begrenzung? Oder sogar für beides? Das Zuhause bei der Mutter erscheint vergleichsweise ungeschützt: ein luftiges Konstrukt mit interessanter Dachform.
Die Anzahl der Kontaktpersonen und wie selbstverständlich sich Sammy in ihrer Mitte jeweils platziert, zeigen seine Kontaktfreudigkeit und dass er doch unter den gegebenen Bedingungen sozial gut eingebunden ist. Zurück zur Interviewsituation. Nachdem Sammy alles aufgebaut hat, schauen wir uns seine Aufstellung noch einmal an. Ich frage ihn, ob es etwas gibt, was er gern ändern würde, und er meint schließlich:
Sammy soll mit seinem Zuhause beginnen und es in die Mitte stellen. Nur wo ist sein Zuhause? Von vornherein ist klar, dass es zweimal »Zuhause« gibt. Er entscheidet sich, zuerst das Heim bzw. das Haus der Wohngruppe aufzubauen, weil er dort die meiste Zeit verbringt und vor allem, »weil ich meistens da schlafe«. Und ›wo man schläft‹ ist durchaus eine Definition von Zuhause. Umgeben wird das Gebäude, das nun entsteht, von einem Zaun. Sammy möchte Mädchen, Jungen und Erwachsenen unterschiedliche Farben geben, aber das lässt sich nicht ganz durchhalten. Er stellt acht Figuren für Kinder auf, darunter seine Freunde Bobby und Marvin, außerdem Jessica und Peter. Die Freunde Bobby und Marvin stehen auf einer Art Plattform ganz oben, er selbst ist mit der Interviewerin, die auch eine Spielfigur zugeordnet bekommt,
im Inneren des Bauwerks. Draußen im Garten werden die anderen Kinder und zwei Erzieherinnen aufgestellt. Podeste für die wichtigsten Personen bekommen Bobby und Sammy selbst.
Als Nächstes ist das Zuhause bei der Mutter an der Reihe. Sammy platziert es in der Nähe des Heims, deutlich näher zur Mitte des Spielplans. Das kleine Bauwerk sieht wie ein Tor aus und bietet Platz für die Mutter, davor stehen Sammy und seine beiden Brüder. Alle erhalten ein kleines Podest, hier sind also alle Kontakte wichtig.
Schließlich baut Sammy noch die Schule auf, ein bisschen weiter weg, auch dies ein interessanter Bau, mit einem auf drei Säulen ruhenden Dach. Überall wo Platz ist, auf dem Gebäude und darum herum, werden die Klassenkameraden aufgestellt. Er bedauert, dass es nicht genug Spielfiguren für die ganze Klasse gibt. Auch drei Lehrerinnen befinden sich auf dem Pausenhof. Eine kleine Gruppe von Kindern schart sich um die Laubhütte, die Sammy am Rand des Spielfeldes aufbaut. Das ist ein aktueller, herbstlicher Ort, denn Sammy hat mit anderen auf dem Schulhof eine solche Laubhütte gebaut und ist gerade ganz fasziniert davon. Deshalb steht er selbst auch in
der Nähe dieser Hütte, wieder auf einem kleinen Podest, denn schließlich ist er wichtig.
Bei der Beschreibung seines Tagesablaufs hat Sammy noch zwei Freunde erwähnt, die in der Umgebung des Heimes wohnen und mit denen er am Nachmittag manchmal spielt. Diese beiden Freunde baut er aber nicht auf.
Sammy geht zu Fuß zur Schule. Wenn er am Wochenende zu seiner Mutter fährt, dann wird er von ihr abgeholt und sie fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu ihrer Wohnung.
Das Netzwerk, das Sammy aufbaut, sagt eine ganze Menge über ihn. Seine Welt ist relativ überschaubar. Es gibt nur drei Bezugsorte, und anders als bei Kindern, die von ihren Eltern stark gefördert werden, gibt es keine Orte wie den Turnverein, die Kirche, die Klavierlehrerin, das Eisstadion. Es gibt auch keine Großeltern oder Verwandten. Auch der eigene Vater erhält keinen Platz in Sammys Netzwerk.
Alle erwachsenen Personen in Sammys Netzwerk sind weiblich: die Mutter, die Erzieherinnen und die Lehrerinnen. Männer kommen nicht vor.
Weiter ist ganz deutlich, dass seine Welt zweigeteilt ist. Zu Hause ist er im Heim und bei seiner Mama. Die emotionale Bedeutung des familiären Zuhauses und der Wunsch nach einer intakten Familie werden ersichtlich durch die Aufstellung dieses Zuhauses in der Mitte des Spielplans und durch die betonte Wichtigkeit aller Personen. Auch die
Brüder, die ja eigentlich bei den Vätern leben, sind hier aufgestellt.
Neben der Platzierung sagt auch die Konstruktion der Orte in Sammys Leben etwas über ihn aus. So fällt auf, dass das Heim von einem geschlossenen Zaun umgeben ist. Hier bieten sich mehrere Deutungen an: Könnte dies für Struktur, Halt und Sicherheit in Sammys Leben stehen oder auch für Begrenzung? Oder sogar für beides? Das Zuhause bei der Mutter erscheint vergleichsweise ungeschützt: ein luftiges Konstrukt mit interessanter Dachform.
Die Anzahl der Kontaktpersonen und wie selbstverständlich sich Sammy in ihrer Mitte jeweils platziert, zeigen seine Kontaktfreudigkeit und dass er doch unter den gegebenen Bedingungen sozial gut eingebunden ist. Zurück zur Interviewsituation. Nachdem Sammy alles aufgebaut hat, schauen wir uns seine Aufstellung noch einmal an. Ich frage ihn, ob es etwas gibt, was er gern ändern würde, und er meint schließlich:
»Nur meine Mami kommt woanders hin. [Stellt sie nur ein wenig anders hin.]
Deine Mami. Und du selber?
Ich bin da. [Zeigt auf das Zuhause bei der Mama.]
Du bist da. Okay, du stehst da eh schon.
Ich bin da und da und da …
Du stehst jetzt beim Heim und bei der Schule und bei deiner Mami.
Ich bin ein Doppelgänger.«
Deine Mami. Und du selber?
Ich bin da. [Zeigt auf das Zuhause bei der Mama.]
Du bist da. Okay, du stehst da eh schon.
Ich bin da und da und da …
Du stehst jetzt beim Heim und bei der Schule und bei deiner Mami.
Ich bin ein Doppelgänger.«
Und damit hat er sicherlich etwas sehr Zutreffendes über seine Situation gesagt.
»Also ich bin eigentlich nicht so arm.«
Im Interview sollte ermittelt werden, welche Vorstellungen Kinder mit Arm und Reich verbinden und was das Thema für sie selbst bedeutet. Unter anderem sollten sie Fotos danach beurteilen, ob die darauf abgebildeten Personen wohl arm oder reich sind. Bei der Auswahl von fünf Fotos, die besonders für »arm« oder »reich« stehen, ist das Resultat ähnlich wie bei den meisten anderen Kindern.
Auch Sammys Beurteilung basiert in erster Linie auf der Quantität dessen, was man hat. Viel ist reich, und wenig ist arm: der volle Kühlschrank, der leere Kühlschrank,
der leere Teller, die vollen Tüten etc. Darüber hinaus bilden die Fotos Klischees von Armut und Reichtum im Sinne von traurig und elend versus glanzvoll und üppig ab. Bei Sammy spielt diese Ebene eine große Rolle. Die Fotos, die er für »reich« auswählt, zeigen alle etwas für ihn sehr Erstrebenswertes. Das ist zuallererst ein Gameboy, »ein DS light«, wie er mir sachkundig erklärt. So einen Gameboy wünscht er sich, und das Foto möchte er am liebsten behalten. Klar für ihn, dass der Gameboy zu »reich« gehört: »Das kann sich so ein armes Kind gar nicht leisten.«
Er wählt auch noch eine Villa mit Pool, ein mit viel Spielzeug ausgestattetes Kinderzimmer und »den tollen Ford« aus. Schließlich erscheinen ihm auch die
üppigen Auslagen einer Konditorei als typisch »reich«. Die von ihm zur Illustration von »arm« ausgewählten Fotos bewertet er als »bisschen blöd«, »komisch«, »ganz dreckig«, »ganz schön traurig«.
Ich bitte Sammy außerdem, alle Fotos in Stapel von Reich und Arm zu sortieren. Dabei wird rasch klar, dass es auch einen Stapel in der Mitte geben muss, nämlich von Fotos, die er nicht zuordnen kann, weil sie entweder für beides stehen können oder unklar in ihrer Botschaft sind. Dieser Stapel erscheint mir besonders interessant.
Da ist zunächst ein roter Teddybär, »ganz zerschlauft ist er schon«, aber Sammy meint:
»Wenn ich es mir recht überlege, passt er eigentlich zu beiden ganz gut.«
Zu einem Spielplatz mit Hängebrücke meint Sammy: »Der gehört eigentlich zu den Reichen und den Armen. Der Reiche kann da hin und muss nichts bezahlen und der Arme auch.«
So ist es auch mit der Schule, die für alle Kinder da ist. Das Foto zeigt einen Jungen auf der Schulbank.
In die Mitte gehört auch ein Foto, das eine Familie zeigt, »weil jeder kann eine Familie haben«.
Es gibt Möglichkeiten, die stehen allen offen, ob reich oder arm. So würde Sammy wahrscheinlich auch die Bücherei in der Mitte einordnen. Aber das Foto, das Kinder in einer Bücherei zeigt, ist missverständlich. Er hält dies für ein privates Zimmer und folgert: »Die gehören zu den Reichen, glaub ich. Weil die haben so viele Bücher, und dann haben die da was und vielleicht auch Autos.« In jedem Fall zeigt sich, dass er bereits über ein großes Urteilsvermögen verfügt.
Ein weiteres Foto zeigt eine Person mit zwei prallvollen Tüten, auf denen Lidl und Aldi steht. »Der hat auch so Sachen gekauft mit seinem Geld«, sagt Sammy nach dem Muster viel = reich. Hier frage ich einmal nach:
So ist es auch mit der Schule, die für alle Kinder da ist. Das Foto zeigt einen Jungen auf der Schulbank.
In die Mitte gehört auch ein Foto, das eine Familie zeigt, »weil jeder kann eine Familie haben«.
Es gibt Möglichkeiten, die stehen allen offen, ob reich oder arm. So würde Sammy wahrscheinlich auch die Bücherei in der Mitte einordnen. Aber das Foto, das Kinder in einer Bücherei zeigt, ist missverständlich. Er hält dies für ein privates Zimmer und folgert: »Die gehören zu den Reichen, glaub ich. Weil die haben so viele Bücher, und dann haben die da was und vielleicht auch Autos.« In jedem Fall zeigt sich, dass er bereits über ein großes Urteilsvermögen verfügt.
Ein weiteres Foto zeigt eine Person mit zwei prallvollen Tüten, auf denen Lidl und Aldi steht. »Der hat auch so Sachen gekauft mit seinem Geld«, sagt Sammy nach dem Muster viel = reich. Hier frage ich einmal nach:
»Und kaufen Arme nicht so Sachen?
Doch schon, aber sie können sich nicht
gleich zwei Tüten kaufen, zwei ganz
volle.«
Doch schon, aber sie können sich nicht
gleich zwei Tüten kaufen, zwei ganz
volle.«
Gelegentlich wird dieses Muster dann doch aufgeweicht: Ein anderes Foto einer Familie mit vollen Einkaufstüten legt er in die Mitte: »Die haben sich zwar viele Sachen gekauft, aber die Gegend sieht auch ganz schön traurig aus. Vielleicht haben sie das nur zufällig bekommen.«
Kopfzerbrechen macht ihm ein Foto, das einen Vater mit Kindern auf einer Art Familientandem zeigt. Er ist mit Mütze und gelbem Regenanorak bekleidet. Das Foto weckt bei mir Assoziationen an die grün-alternative Szene. Sammy legt es zögernd in die Mitte. Er begründet seine Entscheidung: »Ja, weil das Fahrrad kostet ja schon ganz schön viel bestimmt, aber er selber sieht gar nicht so aus wie …«
Nachdem alle Fotos sortiert sind, frage ich Sammy, ob er selbst richtig arme oder richtig reiche Leute kenne, und er verneint das. Aber wie sieht es mit ihm selbst aus.
Kopfzerbrechen macht ihm ein Foto, das einen Vater mit Kindern auf einer Art Familientandem zeigt. Er ist mit Mütze und gelbem Regenanorak bekleidet. Das Foto weckt bei mir Assoziationen an die grün-alternative Szene. Sammy legt es zögernd in die Mitte. Er begründet seine Entscheidung: »Ja, weil das Fahrrad kostet ja schon ganz schön viel bestimmt, aber er selber sieht gar nicht so aus wie …«
Nachdem alle Fotos sortiert sind, frage ich Sammy, ob er selbst richtig arme oder richtig reiche Leute kenne, und er verneint das. Aber wie sieht es mit ihm selbst aus.
»Bist du eigentlich ein reiches oder ein armes Kind?
Ein mittleres Kind.«
Ein mittleres Kind.«
Dann soll er auf einem Streifen zwischen den Polen »reich« und »arm« seine eigene Position angeben. Wir suchen zunächst die Mitte, weil er ja »ein mittleres Kind« ist. Dann justiert er:
»Ein bisschen mehr zur reichen Seite verschoben, weil ich hab ja schon sehr viele Sachen, zum Beispiel von Elektronik. Das ist zwar eigentlich gar nichts
Besonderes, das ist zum Beispiel die PSP oder ein DS oder ein Gameboy. Ganz viele habe ich davon. Also, ich bin eigentlich nicht so arm.«
Besonderes, das ist zum Beispiel die PSP oder ein DS oder ein Gameboy. Ganz viele habe ich davon. Also, ich bin eigentlich nicht so arm.«
Als er nun noch seine Wunschposition auf dem Streifen bestimmen soll, zögert er keine Sekunde. »Na auf jeden Fall da«, sagt er und zeigt auf den äußersten rechten Rand, wo »reich« steht.
Allen Kindern sollte auch die Frage gestellt werden, ob sie schon von der »Krise« oder »Wirtschaftskrise« gehört hätten. Sammy kann mit dem Wort nichts anfangen. Dass es Leute gibt, die Angst vor Arbeitslosigkeit haben, sagt ihm ebenfalls nichts. Seine Mutter
war bis vor kurzem arbeitslos, hat aber nun eine Stelle gefunden. Mit Angst bringt er das Thema nicht in Verbindung.
Wovor er denn Angst hätte, frage ich ihn, und er rollt mit den Augen und sagt: »Vor Monstern.« Und dann:
Allen Kindern sollte auch die Frage gestellt werden, ob sie schon von der »Krise« oder »Wirtschaftskrise« gehört hätten. Sammy kann mit dem Wort nichts anfangen. Dass es Leute gibt, die Angst vor Arbeitslosigkeit haben, sagt ihm ebenfalls nichts. Seine Mutter
war bis vor kurzem arbeitslos, hat aber nun eine Stelle gefunden. Mit Angst bringt er das Thema nicht in Verbindung.
Wovor er denn Angst hätte, frage ich ihn, und er rollt mit den Augen und sagt: »Vor Monstern.« Und dann:
»Ich hab eigentlich vor fast gar nichts Angst. Ich hab nur Angst, wenn ich
jetzt morgen vom Zehnerbrett zum Beispiel springen soll, da trau ich mich
gar nicht.«
jetzt morgen vom Zehnerbrett zum Beispiel springen soll, da trau ich mich
gar nicht.«
Was ein Kind so braucht
Gegen Ende des Interviews – Sammy ist schon ziemlich geschafft – frage ich ihn noch, welches die fünf Dinge sind, die jedes Kind braucht. Meine Bitte, diese Dinge aufzumalen, stößt nicht auf Gegenliebe. Wie sich herausstellt, wäre dies auch sehr schwierig geworden.
»Aufmalen nicht, aber ich kann es sagen.
Gut, dann sag es einfach! Dann schreib ich mir das auf.
Essen … Trinken … Was ein Kind so zum Leben braucht?
Damit es einem gutgeht.
Freizeit. Privatsphäre, wenn’s ihm schlechtgeht. Wie viel sind das schon?
Sollen wir Essen und Trinken als eins machen? Essen und Trinken ist glaub ich
eine Sache. Freizeit und Privatsphäre haben wir noch.
Also vier, drei. Drei.
Drei haben wir jetzt.
Eine Schule. Auch wenn ich die selber eigentlich gar nicht mag, egal, aber zum Lernen brauch ich sie ja. Und … und viel Glück im Leben.«
Überraschend für einen 8-Jährigen ist auf den ersten Blick, dass er von »Privatsphäre « spricht. Darüber wird wahrscheinlich in der Gruppe mit den Erzieherinnen gesprochen. Es leuchtet ein, dass dies ein wichtiges Thema in einem Heim ist, und Sammy scheint Privatsphäre auch für andere Kinder wünschenswert.Gut, dann sag es einfach! Dann schreib ich mir das auf.
Essen … Trinken … Was ein Kind so zum Leben braucht?
Damit es einem gutgeht.
Freizeit. Privatsphäre, wenn’s ihm schlechtgeht. Wie viel sind das schon?
Sollen wir Essen und Trinken als eins machen? Essen und Trinken ist glaub ich
eine Sache. Freizeit und Privatsphäre haben wir noch.
Also vier, drei. Drei.
Drei haben wir jetzt.
Eine Schule. Auch wenn ich die selber eigentlich gar nicht mag, egal, aber zum Lernen brauch ich sie ja. Und … und viel Glück im Leben.«
Wünsche für jetzt und später
Und was sind Sammys Wünsche für sich selbst? Da gibt es einen aktuellen, ganz brennenden Wunsch:
»Ich wünschte, ich hätte einfach mehr Zeit zum Playstationspielen, weil ich mag das soo gern, weil da bin ich gerade so weit.«
Seinen größten Wunsch haben wir schon kennengelernt: Obwohl es ihm im Heim gut geht, möchte er zu seiner Mutter zurück.»Ich find es hier zwar ganz cool, aber ich will halt trotzdem mehr zu meiner Mama. Ich find das im Moment nicht so das Schlechteste, was es auf der Welt überhaupt gibt.
Das Heim ist nicht das Schlechteste, was es gibt. Okay.
Nur das Zehnmeterbrett, wenn man einen zwingt, da runterzuspringen. Und wenn das ich wär.«
Das Heim ist nicht das Schlechteste, was es gibt. Okay.
Nur das Zehnmeterbrett, wenn man einen zwingt, da runterzuspringen. Und wenn das ich wär.«
Sammys Mutter, mit der ich später noch rede, hat alle Auflagen des Jugendamtes erfüllt: Sie hat eine geeignete Wohnung, und sie hat Arbeit als Krankenpflegerin gefunden. Nun, so meint sie, müsse man ihr Sammy doch »zurückgeben«.
Und was wünscht sich Sammy für sein späteres Leben?
Und was wünscht sich Sammy für sein späteres Leben?
»Später? Wie später?
Wenn du groß bist.
Bin ich jetzt schon. Also, einfach eine ganz normale gute Arbeit halt. Erst mal nur ’ne Arbeit, eine tolle.
Eine tolle Arbeit? Was ist denn eine tolle Arbeit?
Da, wo man ganz viel lesen kann, weil ich les so gerne.«
Wenn du groß bist.
Bin ich jetzt schon. Also, einfach eine ganz normale gute Arbeit halt. Erst mal nur ’ne Arbeit, eine tolle.
Eine tolle Arbeit? Was ist denn eine tolle Arbeit?
Da, wo man ganz viel lesen kann, weil ich les so gerne.«
Man denkt an eine Zeile, mit der Märchen manchmal beginnen: »Als das Wünschen noch geholfen hat …« und wünscht für Sammy, dass es diese Zeit vielleicht doch noch gibt.
von Sibylle Picot
von Sibylle Picot
