Genitalverstümmelung
Es gibt Beschneidung sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen. Während die Beschneidung von Jungen nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in Israel, in muslimischen und christlichen Ländern (USA) eine lange Tradition hat und im Allgemeinen als gesundheitsfördernd gilt (beschnittene junge Männer gelten in Bezug auf die HIV-Infektion als weniger anfällig), stellt die Mädchenbeschneidung oder die Genitalverstümmelung, wie sie auch genannt wird, eine sehr umstrittene Praxis dar, weil mit ihr Krankheit, Tod, Ansteckung, Traumatisierung und Unterdrückung verbunden wird.
Am häufigsten kommt die Mädchenbeschneidung in Ägypten, Äthiopien, Dschibuti, Eritrea, Guinea, Mali, Sierra Leone, Somalia und Sudan vor, wo 80 bis 98 Prozent der Frauen beschnitten sind. Im Namen der Tradition werden jeden Tag rund 6.000 Mädchen und Frauen auf dem afrikanischen Kontinent an ihren Genitalien verstümmelt. Von den 120 Millionen geschätzten beschnittenen Frauen und Mädchen weltweit lebt der größte Teil in Afrika.
Beschnittene Frauen gibt es aber auch in Teilen Asiens – vor allem in islamischen Ländern wie Indonesien und Malaysia – und durch Einwanderung auch in Deutschland, wo nach Auskunft der Menschenrechtsorganisation Terres des Femmes etwa 21.000 beschnittene Frauen leben, zu denen noch rund 5.500 Mädchen hinzukommen, die entweder bereits genitalverstümmelt sind oder in der Gefahr stehen, zur Beschneidung kurzfristig ins Heimatland gebracht zu werden. Diese Mädchen und Frauen tragen körperliche und seelische Wunden davon, die sie ein Leben lang begleiten.
Leider durchschauen viele Frauen den Zusammenhang zwischen ihren gesundheitlichen und psychischen Problemen und der Beschneidung nicht. Und wenn sie es doch tun, haben sie als Einzelne kaum die Kraft, sich gegen den enormen Druck ihrer Gesellschaft und ihrer Tradition zu wehren, um die Beschneidung ihrer Kinder zu verhindern. Oft ist die Beschneidung eines der wichtigsten gesellschaftlichen Ereignisse im Leben eines Mädchens, denn dadurch wird es überhaupt erst zur Frau; und solange sie nur auf diese Weise soziale Anerkennung gewinnen, unterwerfen sich die meisten dem Ritus freiwillig. Ein Mädchen, das nicht beschnitten ist, gilt als unrein, sexuell ausschweifend und für die Ehe ungeeignet. Die Beschneidung soll oft auch die Jungfräulichkeit der Mädchen und die Treue der Ehefrauen absichern.
Je nach Land, Volk und Kultur variiert der Eingriff von der Beschneidung der Klitoris (Clitoridectomie oder „Sunna“) über die Entfernung der Klitoris und der inneren Schamlippen (Exzision) bis hin zur zusätzlichen Entfernung der äußeren Schamlippen (Infibulation). Letztere wird auch die „pharaonische Beschneidung“ genannt. Sie kommt allerdings fast nur in Somalia, im Sudan und in Dschibuti vor. Bei der Infibulation wird die Vagina anschließend mit Darmsaiten oder Pferdehaar zugenäht oder mit Akaziendornen zusammengeheftet. Dabei wird nur eine kleine Öffnung für den Urin und das Menstruationsblut gelassen. Viele Frauen haben beim Wasserlassen große Schmerzen. Vorgenommen wird der Eingriff mit Messern, Glasscherben, Rasierklingen oder scharfen Steinen. In der Regel wird der Eingriff kurz vor Beginn der Pubertät, also mit zehn bis zwölf Jahren, durchgeführt, doch manche Mutter bringt ihre Tochter schon mit fünf Jahren zur Beschneiderin. Der Eingriff ist, da er bei vollem Bewusstsein erfolgt, meist mit großen Schmerzen und oft auch mit Gewaltanwendung verbunden, da manche Mädchen sich wehren. Einige überleben den Akt der Verstümmelung nicht. Sie sterben an den unmittelbaren Folgen wie schweren Blutungen, Infektionen oder Schock. Oft entsteht ein lebenslanges körperliches und psychisches Trauma. Die Überlebenden leiden unter chronischen Entzündungen, schmerzhafter Menstruation, Blutungen beim Geschlechtsverkehr und Komplikationen bei der Geburt ihrer Kinder.
Als Alternative für die Mädchenbeschneidung ist es nötig, Alternativriten und -feste zu praktizieren, mit deren Hilfe die Mädchen offiziell zur Frau initiiert werden, bei denen aber auf die eigentliche Beschneidung verzichtet wird. Dies kann jedoch nur im Einvernehmen mit den Mädchen und Frauen selbst, den Beschneiderinnen und den Dorfältesten geschehen.
Mädchenbeschneidung – Weitere Informationen und Links:
Hier ein beeindruckendes Video zur Aufklärung gegen die Genitalverstümmelung, begleitet von dem Song "Non à l'exision" (Nein zur Beschneidung)
"Non à l'exision" von Tiken Jay Fakoly